Ein Prozess läuft technisch schneller, trotzdem häufen sich Rückfragen. In einer Besprechung fällt sofort eine Erklärung: „Das neue System ist zu kompliziert.“ Die Vermutung klingt plausibel. Doch passt sie wirklich zu den Beobachtungen – oder gibt es andere Erklärungen, die bisher niemand ausgesprochen hat?
Solche Fragen sind für berufserfahrene MBA-Interessierte besonders anschlussfähig. Fachwirte, Meister, Techniker und Bilanzbuchhalter kennen Situationen, in denen Informationen unvollständig sind und dennoch eine sinnvolle nächste Untersuchung nötig wird. Abduktion im MBA kann helfen, diesen Übergang zwischen Beobachtung und Erklärung bewusst zu gestalten. Sie ersetzt keine Beweisführung, macht aber sichtbar, welche gedankliche Brücke Sie gerade bauen.
Was Abduktion bedeutet – und welche Bedeutung wir verwenden
Die Stanford Encyclopedia of Philosophy erläutert Abduktion als erklärendes Schlussfolgern und unterscheidet zwei verwandte Verwendungen: das Entwickeln von Hypothesen und das Begründen einer Hypothese als beste Erklärung. Die genaue Ausgestaltung und Rechtfertigung sind philosophisch umstritten.
Dieser Artikel nutzt eine praktische Vorbereitungsübung: Eine auffällige Beobachtung führt zu möglichen Erklärungen, deren Passung und Prüfbarkeit wir vergleichen. Das ist kein vollständiges Verfahren zur Auswahl einer wissenschaftlich bewiesenen Ursache. Anders als bei einem logisch zwingenden Schluss bleibt auch eine gut passende Erklärung vorläufig; zusätzliche Informationen können die Bewertung verändern.
Fiktiver Fall: Schneller bearbeitet, häufiger nachgefragt
Das gesamte folgende Beispiel ist erfunden. Es beschreibt keinen realen Betrieb und belegt keine Wirkung bestimmter Software. Eine Servicestelle führt ein neues digitales Freigabeformular ein. Danach sinkt die intern gemessene Bearbeitungszeit. Gleichzeitig erhält das Team mehr Rückfragen zu bereits freigegebenen Vorgängen.
Die zunächst festgehaltene Beobachtung lautet nur: „Nach Einführung des Formulars werden kürzere interne Bearbeitungszeiten und mehr Rückfragen registriert.“ Der Satz nennt noch keine Ursache. „Das Formular erzeugt Verwirrung“ ist dagegen bereits eine Erklärung. Diese beiden Sätze auf getrennte Karten zu schreiben, ist der erste Schritt unserer Übung.
Drei denkbare Erklärungen formulieren
- Erklärung A: Bestimmte Angaben sind für die Empfänger schwer verständlich. Deshalb entstehen nach der Freigabe Rückfragen.
- Erklärung B: Die interne Zeitmessung endet jetzt früher. Arbeitsschritte, die vorher darin enthalten waren, werden erst nach der Freigabe erledigt und erscheinen als Rückfragen.
- Erklärung C: Im betrachteten Zeitraum kommen mehr ungewöhnliche Vorgänge an. Die veränderte Zusammensetzung, nicht allein das Formular, könnte die Rückfragen erklären.
Alle drei Erklärungen passen zunächst zu Teilen der Beobachtung. Keine ist damit bestätigt. Auch müssen sie sich nicht gegenseitig ausschließen: Schwer verständliche Angaben und eine veränderte Fallzusammensetzung könnten zugleich eine Rolle spielen. Eine schnelle Abstimmung darüber, welche Geschichte am überzeugendsten klingt, würde diese Offenheit verdecken.
Von der Erklärung zu einer unterscheidbaren Erwartung
Für jede Karte ergänzen wir nun eine Frage: „Was würden wir zusätzlich erwarten, wenn diese Erklärung zuträfe?“ Damit wird aus einer bloß plausiblen Geschichte ein konkreter Prüfauftrag. Die folgenden Erwartungen gehören ausschließlich zu unserem erfundenen Fall.
Zu A erwarten wir, dass sich Rückfragen an bestimmten Formularfeldern oder Formulierungen häufen. Eine mögliche Prüfung wäre, Rückfragen nach ihrem konkreten Anlass zu ordnen und betroffene Angaben gemeinsam mit den Empfängern durchzugehen. Allgemeine Unzufriedenheit allein würde noch nicht zeigen, welche Stelle unverständlich ist.
Zu B erwarten wir eine Änderung der Messgrenzen oder des tatsächlichen Arbeitsablaufs. Wir würden deshalb alte und neue Definitionen von „Bearbeitungsbeginn“ und „Bearbeitungsende“ nebeneinanderlegen. Wenn im neuen Ablauf eine Prüfung erst nach dem gemessenen Endpunkt stattfindet, kann der Zeitvergleich etwas anderes erfassen als zuvor.
Zu C erwarten wir, dass ungewöhnliche Vorgänge im neuen Zeitraum häufiger vertreten sind oder mehr Rückfragen auslösen. Wir würden die Zusammensetzung der Vorgänge vergleichen. Dabei müsste vorher feststehen, was „ungewöhnlich“ bedeutet; die Kategorie darf nicht erst nachträglich alle Fälle aufnehmen, die schlecht zur bevorzugten Erklärung passen.
Welcher nächste Schritt bringt wirklich neue Information?
Angenommen, ein Gespräch ergibt lediglich: „Viele finden das neue Formular ungewohnt.“ Diese Information passt zu A, trennt A aber kaum von B oder C. Auch Beschäftigte mit veränderten Aufgaben oder einem anderen Fallaufkommen könnten das Formular als ungewohnt erleben. Für die Übung wäre deshalb eine präzisere Rückfrage nötig.
Ein Vergleich der alten und neuen Messdefinition könnte B dagegen gezielt berühren. Bleiben die Grenzen tatsächlich gleich, wird eine bestimmte Variante dieser Erklärung weniger überzeugend. Das beweist A oder C noch nicht. Sie gewinnen zunächst eine klarere Vorstellung davon, welche Erklärung welchen Teil des Befunds tragen kann.
Wenn die notwendigen Informationen fehlen, ist „noch offen“ ein zulässiges Ergebnis. Die Übung soll nicht erzwingen, dass am Ende eine Karte gewinnt. Eine nachvollziehbare Untersuchungsfrage kann wertvoller sein als eine vorschnelle Empfehlung zur Schulung, Softwareänderung oder zusätzlichen Kontrolle.
Ein kurzes Denkprotokoll für die akademische Vorbereitung
Notieren Sie zu einem selbst gewählten, unverfänglichen Beispiel fünf Punkte. Diese Struktur ist eine eigene Lernhilfe, keine vorgeschriebene Hochschulmethode:
- Welche Beobachtung überrascht Sie, ohne bereits eine Ursache zu nennen?
- Welche unterschiedlichen Erklärungen kommen zunächst infrage?
- Welche zusätzliche Beobachtung erwarten Sie jeweils?
- Welche Information würde die Erklärungen tatsächlich besser unterscheiden?
- Was bleibt auch nach dieser Prüfung ungeklärt?
Trennen Sie dabei vorhandene Information von noch benötigten Daten. Im MBA-Kontext sollte eine anschauliche Berufserfahrung nicht unbemerkt als abgeschlossene Untersuchung dargestellt werden. Für eine private Vorbereitungsübung reichen erfundene Vorgänge; vertrauliche Unternehmensunterlagen sind nicht nötig.
Vorbereitung ist nicht Zulassung oder Anrechnung
Für den MBA Entrepreneurship und Global Business Strategy veröffentlicht die Hochschule Burgenland ihre aktuellen Zugangsvoraussetzungen: Bachelor mit 180 ECTS oder äquivalenter beziehungsweise höherer Abschluss und zwei Jahre einschlägige Berufserfahrung; alternativ Universitätsreife und vier Jahre Berufserfahrung, davon mindestens zwei einschlägig; oder abgeschlossene Berufsausbildung und fünf Jahre Berufserfahrung, davon mindestens zwei einschlägig. Über die Aufnahme entscheidet die Lehrgangsleitung nach Prüfung der vollständigen Unterlagen.
Ein direkter MBA-Einstieg kann bei passender Zulassungsgrundlage und Managementorientierung Zeit sparen oder inhaltliche Doppelungen vermeiden. Ein Bachelor zuerst kann bei fehlender Grundlage, gewünschter fachlicher Breite, bestimmten Berufswegen oder persönlichen Lernzielen passender sein. Eine gute Denkübung entscheidet diese Bildungsfrage nicht. Zulassung, mögliche Anrechnung und tatsächliche Studiendauer bleiben getrennte Einzelfallfragen; eine automatische Verkürzung folgt daraus nicht.
FAQ zur Abduktion im MBA
Ist eine plausible Erklärung schon ein Nachweis?
Nein. Im fiktiven Beispiel können mehrere Erklärungen zunächst passen. Die begründete Prüfung bleibt von der ersten Vermutung zu unterscheiden.
Muss ich immer genau drei Erklärungen finden?
Nein. Die drei Karten dienen hier der Verständlichkeit. Entscheidend ist, relevante Alternativen nicht allein deshalb zu übergehen, weil bereits eine vertraute Erklärung vorliegt.
Kann das Ergebnis der Übung offenbleiben?
Ja. Fehlende Informationen sollten benannt werden. Ein konkreter nächster Prüfschritt ist kein gescheitertes Ergebnis, nur weil noch keine abschließende Erklärung feststeht.
Fazit: Den gedanklichen Zwischenschritt sichtbar machen
Abduktion im MBA lässt sich an einer einfachen Aufgabe üben: Beobachtung beschreiben, Erklärungen auseinanderhalten und unterscheidbare Erwartungen formulieren. So wird aus einem schnellen „Das liegt an …“ eine nachvollziehbare Untersuchungsidee. Für Fragen zum MBA-Angebot und Ihrer beruflichen Ausgangslage nutzen Sie den Kontakt zu GrandEdu Media. Über die individuelle Aufnahme entscheidet die Hochschule.